
Sehen Sie sich die beiden an: jung, schick, ein bisschen verlegen vielleicht, und doch so selbstverständlich nebeneinander. Ein attraktives Paar, nicht wahr?
Gerne wüsste ich, wo das Bild der beiden entstanden ist! Ein Park in Köln? Eine Promenade in Düsseldorf? Ein Pfad oberhalb von Wuppertal? Oder ganz woanders, im Süden, irgendwo bei Sulzbach in der Oberpfalz? In all diesen Gegenden waren die beiden unterwegs. Vielleicht erkennt jemand von Ihnen den Ort? Das wäre ein kleines Wunder …
Elisabeth und Georg hießen die beiden, und das Foto zeigt sie wohl in den frühen 1930er Jahren. Zwei Menschen, zwei Leben, zwei Geschichten.
Elisabeth kam 1912 in Schöller bei Wuppertal zur Welt. Die Mutter starb sehr früh an einer Krankheit, möglicherweise handelte es sich um Typhus oder Tuberkulose. 1917 fiel der Vater, Paul Wilhelm, im Ersten Weltkrieg, vermutlich bei Juvincourt in Frankreich. Elisabeth war damals fünf Jahre alt. Nach dem Tod beider Eltern wuchs sie bei einer Stief- oder Pflegemutter auf, die sehr fromm und katholisch war. Wenn ich es richtig erinnere, wurde sie in diesen frühen Kindheitsjahren von ihrem Bruder Hans getrennt, ganz sicher bin ich da nicht. Die beiden fanden aber später wieder zueinander und blieben sich bis zum Tod von Hans´ eng verbunden.
Georg wurde 1906 geboren, vermutlich in Sulzbach in der Oberpfalz. Wie kam ein Oberpfälzer ins Rheinland? Eventuell über die Walz, die Wanderjahre der Handwerksgesellen mit Bündel und Hut, von Ort zu Ort. Ich meine mich an ein Foto zu erinnern, dass dies vermuten lässt, aber noch habe ich es nicht gefunden. Irgendwo auf seinem Weg traf er auf jeden Fall Elisabeth.
Elisabeth und Georg heirateten 1934, und zwischen 1935 und 1941 kamen fünf Kinder zur Welt.
Georg arbeitete eine Zeit lang in einem Kölner Krankenhaus, als Heizer, Installateur oder Hausmeister. Wohl 1943, im Zweiten Weltkrieg, wurde das Krankenhaus ausgebombt. Für Georg hieß das leider, dass er von jetzt auf gleich zum Kriegsdienst eingezogen wurde, ob er wollte oder nicht. Es folgte eine kurze Grundausbildung in Krefeld, dann die Ostfront. Der letzte Feldpostbrief stammt vom August 1944, wie auf allen Briefen den Standort mit „im Osten“ bezeichnend. Danach kein Lebenszeichen mehr von ihm. Georg galt als vermisst.

Mit Georgs Weg in den Krieg verließ Elisabeth die Großstadt Köln und zog ins Oberbergische, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1997 blieb. Ihre fünf Kinder zog Elisabeth allein groß. Eines der Kinder war meine Mutter.
Elisabeth und Georg waren meine Großeltern.
Mittlerweile kann ich fast niemanden mehr fragen, der über diese beiden jungen Leute Auskunft geben könnte. Dennoch, vielleicht umso mehr, beschäftigt mich die Geschichte dahinter. Ganz besonders diese eine Frage: Was von diesen beiden Lebensgeschichten wirkt noch heute in mir? Ich stamme genetisch unter anderem von diesen beiden ab, klar. Aber ist das alles oder was bedeutet das eigentlich, „genetisch“? Hat nicht auch die Lebensgeschichte dieser beiden einen Einfluss auf mich, weil sie selbstverständlich einen Einfluss auf das Leben meiner Mutter hatte? Was ist von Georgs und Elisabeths Geschichte weitergewandert, zu ihren Kindern, zu meiner Mutter, zu mir? Welche Freuden, welche Ängste, welche stillen oder auch lauten „Befindlichkeiten“ reichen über die Generationen hinweg, bewirken noch heute etwas in mir, obwohl die Ursache, die Quelle nicht in meinem eigenen Lebenslauf zu finden ist, sondern im Lebenslauf meiner Eltern oder gar meiner Großeltern? Welche Bedeutung hat familiäre Bindung für mich? Wie erlebe ich das Thema Verlust oder Trennung? Auf welche Weise bewegt mich das befolgen Müssen fremdbestimmter Entscheidungen?
Man spricht hier manchmal von „transgenerationalen Prägungen“. Meist sind damit vererbte Traumata gemeint. Erlebnisse oder Geschehnisse, die nicht ich selbst erlebt habe, sondern meine Vorfahren, haben dort einen so tiefgreifenden seelischen Einfluss hinterlassen, dass sie auf mich intensiv nachwirken. Einerseits durch die Art und Weise der Erziehung, durch die Familienatmosphäre, die dann ja auf der Basis solcher Traumata entstanden ist, kurz und vereinfacht ausgedrückt. Aber die Wirkung vollzieht sich möglicherweise auch im biologischen Sinne durch irgendwelche winzigen Spuren im genetischen Code, also wirklich vererbt. Die Logik legt es nahe, wie ich finde, dass es neben den transgenerationalen Traumata möglicherweise auch ein transgenerationales, vererbbares Glück geben muss. Vielleicht ist manchmal ein genau auf diese Weise weitergebenes Glück eine Quelle der Stärke, der Resilienz, die nicht aus dem eigenen vielleicht sehr ungünstigen Lebenslauf, auch nicht aus dem der Mutter oder des Vaters erklärbar wird, wohl aber aus dem einer früheren Generation.
Kein Zweifel, dies ist an sich ein spannendes Themenfeld. Neben der Frage, was mich geprägt hat, erlangt auch noch eine andere Überlegung Bedeutung: Bin ich der transgenerationalen Prägung ausgeliefert, ein Etikett, das ich trage und nicht überschreiben kann? Oder kann ich die Prägungen dennoch regulieren, sobald ich sie kenne? Ich glaube, man kann! Aber das Regulieren von tief und gegebenenfalls transgenerational erlangten Prägungen ist kein Selbstläufer und die Prägungen können zwar überschrieben, aber vielleicht nicht vollständig gelöscht werden. Der Blick in die Familiengeschichte kann zuweilen also eine gute Idee oder sogar schlicht unerlässlich sein. Wenn man zum Beispiel für diese oder jene Befindlichkeit einfach keine oder keine ausreichende Erklärung findet, wenn das eigene Unverständnis aber weiter an einem nagt, wenn man einfach das Gefühl hat, für die eigene Weiterentwicklung Erklärungen zu benötigen. Dann findet man beim Blick ins „Familienmuseum“ vielleicht Erklärungen, mindestens aber Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten.
English version
Family histories – shaped by the past, felt in the present?
Just look at the two of them: young, smartly dressed, perhaps a little shy, and yet standing side by side so naturally. An attractive couple, aren’t they?
I’d love to know where this photo was taken! A park in Cologne? A promenade in Düsseldorf? A path above Wuppertal? Or somewhere else entirely, in the south, somewhere near Sulzbach in the Upper Palatinate? The couple travelled through all these areas. Perhaps one of you recognises the place? That would be a minor miracle …
Their names were Elisabeth and Georg, and the photo probably shows them in the early 1930s. Two people, two lives, two stories.
Elisabeth was born in 1912 in Schöller, near Wuppertal. Her mother died very young from an illness, it might have been typhus or tuberculosis. In 1917, her father, Paul Wilhelm, was killed in the First World War, presumably near Juvincourt in France. Elisabeth was five years old at the time. After the death of both her parents, she was brought up by a stepmother or foster mother who was a very devout Catholic. She may have been separated from her brother Hans during those early childhood years, though I’m not entirely sure about that. However, the two were later reunited and remained close until Hans’s death.
Georg was born in 1906, presumably in Sulzbach in the Upper Palatinate. How did someone from the Upper Palatinate end up in the Rhineland? Perhaps via the ‘Walz’ – the years spent travelling by journeymen craftsmen, with a bundle and a hat, from place to place. I seem to recall a photograph that suggests this, but I haven’t found it yet. In any case, somewhere along his journey he met Elisabeth.
In 1934 Elisabeth and Georg got married, and between 1935 and 1941 they had five children.

Georg worked for a while in a hospital in Cologne, as a stoker, plumber or caretaker. It was probably in 1943, during the Second World War, that the hospital was bombed. For Georg, this unfortunately meant that he was called up for military service at a moment’s notice, whether he wanted to or not. This was followed by a short period of basic training in Krefeld, then the Eastern Front. The last field post letter dates from August 1944, with his location described as ‘in the East’, as on all his letters. After that, there was no further sign of life from him. Georg was declared missing in action
When Georg went off to war, Elisabeth left the city of Cologne and moved to the Oberberg region, where she remained until her death in 1997. Elisabeth brought up her five children on her own. One of those children was my mother.
Elisabeth and Georg were my grandparents.
By now, there’s hardly anyone left I can ask who might know anything about these two young people. Nevertheless – or perhaps even more so – the story behind it all continues to occupy my thoughts. One question in particular: what aspect of these two life stories still resonates within me today? Genetically speaking, I’m descended from these two, amongst others, of course. But is that all, or what does ‘genetically’ actually mean? Do the life stories of these two not also have an influence on me, because they naturally had an influence on my mother’s life? What has been passed on from Georg’s and Elisabeth’s story – to their children, to my mother, to me? Which joys, which fears, which quiet or even vocal ‘emotional states’ span the generations, still having an effect on me today, even though the cause, the source, is not to be found in my own life story, but in that of my parents or even my grandparents? What significance do family ties hold for me? How do I experience the themes of loss or separation? In what ways does having to comply with decisions made by others affect me?


People sometimes speak here of ‘transgenerational imprints’. This usually refers to inherited traumas. Experiences or events that I myself did not experience, but which my ancestors did, have left such a profound psychological impact that they continue to affect me intensely. On the one hand, this is due to the way I was brought up and the family atmosphere, which, to put it simply, arose on the basis of such traumas. But the effect may also manifest itself in a biological sense through some minute traces in the genetic code – in other words, truly inherited. Logic suggests to me that, alongside transgenerational trauma, there must also be such a thing as transgenerational, inheritable happiness. Perhaps, at times, happiness passed on in precisely this way is a source of strength and resilience that cannot be explained by one’s own, perhaps very unfavourable, life course, nor by that of one’s mother or father, but rather by that of an earlier generation.
There’s no doubt that this is an intriguing subject in its own right. Alongside the question of what has shaped me, another consideration also takes on significance: am I at the mercy of transgenerational conditioning – a label that I bear and cannot overwrite? Or can I nevertheless regulate these influences once I am aware of them? I believe it is possible! But managing deeply ingrained and, in some cases, transgenerational influences is no easy task, and whilst these influences can be overridden, they may not be completely erased. So, taking a look at one’s family history can sometimes be a good idea, or even simply essential. For example, if one simply cannot find any explanation – or at least not a sufficient one – for this or that state of mind; if one’s own lack of understanding continues to gnaw at one; or if one simply feels that one needs explanations for one’s own personal development. Then, by looking into the ‘family museum’, one might find explanations – or at the very least, possibilities and probabilities.
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